Nachvollziehbarkeit als Schlüssel zur echten Agilität

Einführung

In diesem Beitrag möchte ich gern auf das Thema Nachvollziehbarkeit eingehen und aufdecken, welche Gefahren in eben fehlender Nachvollziehbarkeit versteckt sein können.

Der Eine oder Andere kennt sie bestimmt, diese Situation im Team, bei der man sich fragt: „wozu machen wir das eigentlich?„. Diese Hinterfragung kann sich im besten Fall direkt äußern, wie im vorherigen Satz. Im schlechtesten Fall tarnen sich Missverständnisse im Vorgehen und der Agilität als Verbesserungsmaßnahmen.

Praxisbeispiel Daily Scrumoie_transparent (2)

Um konkret zu werden, möchte ich mit euch nun ein Beispiel aus der Praxis ansehen.
Ein Team findet es müßig, jeden Tag ein Daily Scrum abzuhalten. Es wird in der Retrospektive eine Verbesserungsmaßnahme definiert: nur noch einmal pro Woche ein Daily.

Nun könnte man darauf auf zweierlei Arten reagieren:

Dagegen sein

OMG! Das geht gar nicht! Ihr müsst aber jeden Tag ein Daily abhalten, es ist immens wichtig, dass ihr eure Arbeiten synchronisiert und den jeweiligen Tag plant! Außerdem heißt es ja Daily und nicht Weekly!

Befürworten

Wenn es für das Team funktioniert, dann wäre es eine Effizienzsteigerung mit einem Einsparpotential von immerhin 4 x (Anzahl Teammitglieder) x 15 Minuten pro Woche! Das macht bei 8 Teammitgliedern einen Personentag pro Woche!

Vermutlich werden sich die Agile Coaches und Scrum Master unter euch für Option 1 entscheiden. Ihr habt es schließlich verstanden! Was aber macht es mit dem Team? Das Team wird vermutlich dem Rat des Scrum Masters, des Hüters der Regeln und Rituale folgen. Was bleibt ist ein Scrum-Ritual, welches leblos und damit vermutlich auch nutzlos im gedachten Sinne ist. Experten würden es „waste of time“ nennen. Jetzt müsste der Scrum Master diesen „waste“ erkennen und für Vermeidung von „waste“ sorgen. Ein Dilemma!

Ich hätte mich eher für Befürworten entschieden. Es bietet als einziges die Chance für das Team, den wahren Wert des Dailys zu erkennen. Woher weiß ich, dass sie den Wert nicht kennen, fragen Sie sich? Nun, weil das Team es zu einem Weekly machen will ;-).

Angenommen das Team würde statt des Dailys ein Weekly einführen. Hierbei gibt es zwei Szenarien:

Es funktioniert

Herzlichen Glückwunsch! Das Team scheint so reif zu sein, eine so ausgeprägte Kommunikation zu besitzen, dass eine Koordination der Aufgaben auch ohne Daily funktioniert. Möglicherweise ist das Team an nur einem Standort und arbeitet in einem Raum, sodass die Grundlagen für eine perfekte Zusammenarbeit ideal sind. Bei 8 Mitarbeitern im Team, haben Sie ein Potential von einem Personentag pro Woche gehoben! Aus meiner Sicht ist dies echte Agilität, sich von den Fesseln von vorgegebenen Prozessen und Ritualen lösen, um sich und die Organisation stets zu verbessern.

Es funktioniert nicht

Dies ist, gerade am Anfang der Einführung von agiler Arbeit, vermutlich am wahrscheinlichsten. Hierbei gilt es für Sie als Scrum Master ein besonderes Augenmerk auf alle Dysfunktionen zu legen, die durch das Ausbleiben des Dailys entstehen können. Sehr offensichtlich ist es, wenn einige Mitarbeiter Überstunden machen müssen und sich andere langweilen. Auch wenn Sätze fallen, wie „ich wusste ja nicht, dass du schon … hast“ oder im Weekly der Satz „Ich habe auf dich gewartet“ mit „ich war doch längst fertig“ beantwortet wird. Wenn Sie hier dem Team die auftretenden Probleme transparent machen, die zu diesem Zeitpunkt auch wirklich die Probleme des Teams sind und sich für das Team als Probleme anfühlen, dann hat das Team die Chance zu verstehen, dass Weeklys eine schlechte Idee sind. Im Rahmen der Retrospektive wird es nun zu einer Verbesserungsmaßnahme kommen und diese könnte die Wiedereinführung eines Dailys sein.

Ein weiteres Beispiel aus der Kindheit

Hand über heißer HerdplatteEltern und Kinder kennen es gleichermaßen, die warnenden Worte der Eltern: „Fass nicht auf die Herdplatte, sie ist heiß!“ Oder „Klettere nicht auf den Baum, du kannst dir die Knochen brechen, wenn du herunter fällst„. Wie viele von uns wollten dennoch eigene Erfahrungen mit der rot leuchtenden Herdplatte machen? Viel spannender ist jedoch die Frage, wie viele von uns, die ihre eigenen Erfahrungen mit der rot leuchtenden Herdplatte gemacht haben, dies wiederholen wollten! Vermutlich ein verschwindend geringer Anteil. Man kann die warnenden Worte nun nachvollziehen.

Was passiert, wenn man das Herstellen der Nachvollziehbarkeit einfach sein lässt?

Hierzu fällt mir eine sehr prägnante Geschichte ein, die ich von einem sehr talentiertem Scrum Trainer erzählt bekommen habe. Es handelt sich um das Phänomen des Cargo Cult. Dieser entwickelte sich durch die Besetzung von indigenen Inseln durch die amerikanische Armee im zweiten Weltkrieg. Das Kriegsmaterial, das während des Zweiten Weltkrieges massenhaft von der US-Armee auf diese Inseln abgeworfen wurde (Fertigkleidung, Konservennahrung, Zelte, Waffen und andere Ware), brachte drastische Änderungen des Lebensstils der Inselbewohner mit sich: Sowohl die Soldaten als auch die Einheimischen, die sie beherbergten, wurden mit Materialmengen regelrecht überschüttet. Oft wurden dafür eigene Wohnstätten und Nahrungsvorräte vernichtet und Landepisten und Flugplätze im Dschungel für die erwarteten Frachtflugzeuge gerodet. So wurde etwa Hollandia (heute Jayapura) zu einer großen Marinebasis ausgebaut, wo 1944 ca. 400.000 US-amerikanische Soldaten stationiert wurden. Die Nachwirkungen dieser Invasion auf die indigene Bevölkerung spiegelte sich in der Nachkriegszeit im Bau zahlreicher „Cargo-Häuser“ wider.

Mit dem Kriegsende wurden die Flughäfen verlassen und kein neues „Cargo“ wurde mehr abgeworfen. Darum bemüht, weiter Cargo per Fallschirm oder Landung zu Wasser zu erhalten, imitierten Kultanhänger die Praxis, die sie bei den Soldaten, Seeleuten und Fliegern gesehen hatten. Sie schnitzten Kopfhörer aus Holz und trugen sie, als würden sie im Flughafentower sitzen. Sie positionierten sich auf den Landebahnen und imitierten die wellenartigen Landungssignale. Sie entzündeten Signalfeuer und -fackeln an den Landebahnen und Leuchttürmen.

Cargocult

Die Kultausübenden nahmen an, die Ausländer verfügten über einen besonderen Kontakt zu den Ahnen, die ihnen als die einzigen Wesen mit der Macht erschienen, solche Reichtümer auszuschütten. Die Nachahmung der Ausländer verband sich mit der Hoffnung, auch den Einheimischen möge ein solcher Brückenschlag gelingen. In einer Art der sympathetischen Magie bauten sie zum Beispiel Flugzeugmodelle in Originalgröße aus Stroh oder schufen Anlagen, die den militärischen Landebahnen nachempfunden waren, in der Hoffnung, neue Flugzeuge anzuziehen.

Die Konfrontation mit den vom traditionellen Leben so unterschiedlichen europäischen Gütern führte oft zu einem Zusammenbruch des ganzen Wertesystems der indigenen Völker und zu einer Neuformung der sozialen Strukturen, in der Hoffnung, das Paradies und die Erlösung im Diesseits zu erreichen.

Fazit

Jeder Scrum Master und Agile Coach sollte es als oberstes Ziel sehen, die Nachvollziehbarkeit von Regeln und Ritualen herzustellen, damit diese wirklich gelebt werden.

Wenn Regeln und Rituale nicht nachvollzogen werden, dann kann es zu einem Cargo Cult kommen, der sich als Dysfunktion im Scrum-Umfeld sehr offensichtlich wie folgt auswirken kann:

  • man führt ein Daily nur deswegen täglich durch, weil man es im Scrum-Kurs so gelernt hat
  • man hat keine Lust auf eine Retrospektive, weil man ja auch keine Zeit dafür hat (oder eine beliebige andere Ausrede)
  • man zeigt in der Demo, was man als Team alles gemacht hat und legt den Fokus auf die Darstellung der geleisteten Arbeit (anstatt auf Feedback vom Endkunden)
  • man hat in der Demo die falschen Leute eingeladen (die kein Feedback geben können)

Weniger offensichtliche Dysfunktionen als Folge können sein:

  • Es gibt nach wie vor eine Trennung nach Kompetenzen im Team (Analyse, Entwicklung, Test, Integration). Der Entwickler „ist schon lange fertig“ und „weiß auch nicht, wofür die Tester so lange brauchen“. Sieht diese als Bottleneck an und will einen weiteren Tester im Team um mehr entwickeln zu können.Hier hat jemand nicht verstanden, dass man erst fertig ist, wenn alle Arbeiten an einer Story fertig sind und man als Team gemeinsam verantwortlich ist für das Sprintergebnis.
  • Das Management möchte im Zuge der Effizienzsteigerung Sie als Scrum Master oder Agile Coach mehr in der Umsetzung sehen. Sie könnten doch ihre Zeit sinnvoller für das Produkt einsetzen, indem Sie die Ausführung besser überwachen oder gar mit entwickeln/testen!

Scrum basiert auf der Theorie empirischer Prozesssteuerung oder kurz „Empirie“. Empirie bedeutet, dass Wissen aus Erfahrung gewonnen wird und Entscheidungen auf Basis des Bekannten getroffen werden. Helft euren Teams, eigene Erfahrungen zu sammeln. Helft ihnen, zu erkennen 😉

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s